Der Tennō im Wandel der Zeit

Während in prähistorischer Zeit noch von einem "Priester-Königtum" die Rede ist, bei welchem ein König mit magischen Kräften religiöse Riten stellvertretend für das Volk ausführte, wandelte sich das Amt bald zu kriegerischen Persönlichkeiten, die ihren Herrschaftsbereich auch mit Waffengewalt ausdehnten. Im 7. Jahrhundert kommt es schließlich mit dem Yamato Staat zur Einführung des Titels Tennō ("himmlischer Herrscher" 天皇). Zuvor wurde der Herrscher "ōkimi" (erster unter Gleichen" 大君) genannt. Die Stellung des Kaisers wurde der des chinesischen Herrschers angeglichen und man orientierte sich an dessen "Mandat des Himmels". Da dieses jedoch die Gefahr beinhaltete durch Waffengewalt an die Macht zu kommen, fügte man den "göttlichen Herrscherauftrag" hinzu. Das chinesisch-sprachige Nihongi ("Annalen Japans" - 720 - 日本紀) wurde von Tenmu Tennō in Auftrag gegeben und sollte die Herrschaft des Kaisers legitimieren. Er war nun eine sichtbare Gottheit mit Abstammung von der Sonnengöttin Amaterasu (天照神), der höchsten Shintō Gottheit, und hatte von ihr den Auftrag über das Land zu herrschen. Bis heute gab es somit den letzten Dynastiewechsel in Japan zu Beginn des 6. Jahrhunderts.

Die Geschichte Japans wird auch im japanisch-sprachigen Kojiki ("Aufzeichnung alter Geschehnisse" - 712 - 古事記) erzählt. Sowohl Kojiki als auch Nihongi erzählen von der Japanischen Mythologie, Gründung der Welt, Gottheiten und dem Herrscherauftrag an den ersten japanischen Kaiser Jinmu (神武). Dieser mythische Gründer des Japanischen Kaiserreiches soll 660 v.Chr. den Thron bestiegen haben. Ebenfalls erzählt wird die Geschichte der drei Throninsignien, die als Zeichen der Herrschaft auch heute noch Bedeutung haben. Es handelt sich um ein Schwert, ein Krummjuwel und einen Spiegel.

Die absolute Herrschaft der Tennō dauerte in etwa von 794 bis 967. Danach folgte die Blüte des Hofadels, in welcher die Adelsfamilie Fujiwara (藤原) durch geschickte Heiratspolitik an Einfluss gewann. Auch stellten sie die Regenten für den mündigen (kanpaku 摂関) und unmündigen (sesshō 摂政) und führten an der Stelle der Kaiser die Regierungsgeschäfte. Mit der Etablierung des insei Systems (院政) war es den Kaisern jedoch möglich von 1086 bis 1185 erneut an Einfluss zu gewinnen. In diesem System dankte ein Kaiser frühzeitig ab und regierte anstelle eines unmündigen Kaisers aus dem Ruhestand im Kloster heraus. Aufgrund der Lokalität werden diese Kaiser auch "Kloster-Kaiser" genannt.

Mit den Hōgen und →Heiji Unruhen (1156 und 1159/60) wandelte sich jedoch das Machtverhältnis aufgrund interner Konflikte und Streitigkeiten erneut. Bei einem Interessenskonflikt zwischen dem Ex-Kaiser Sutoku und Go Shirakawa kam es letztlich auch zu Streitigkeiten zwischen der Taira Familie (平) auf der Seite Go Shirakawas und der Minamoto Familie auf Seiten Sutokus. Die Taira heirateten in die Kaiserfamilie ein und sicherten sich so eine erhebliche Machtposition, in der sie auch die künftigen Kaiser bestimmten. Von 1180 bis 1185 kommt es deswegen zum Genpei Krieg (源平合戦) zwischen Taira und Minamoto (源), den letztere für sich entscheiden konnten. Es kommt zur Gründung des ersten Shōgunats (auch: bakufu 幕府) unter Minamoto no Yoritomo. Der Tennō selbst verleiht Minamoto no Yoritomo den Titel seii taishōgun - eine Auszeichnung für seine militärischen Errungenschaften. Die Macht liegt nun zunehmend beim Kriegeradel (buke 武家). Die Hōjō Familie (北条) kommt ebenfalls durch Heiratspolitik an die Macht und stellt Regenten für den unmündigen Shōgun (shikken 執権). 1221 kommt es zu der Jōkyū Rebellion (jōkyū no ran 承久の乱) unter dem Kloster-Kaiser Go-Toba. Sein Versuch das Shōgunat zu stürzen und wieder zu mehr Macht zu gelangen scheitert jedoch und er wird auf die Insel Oki verbannt. Es kommt zudem zu verschärften Kontrollen des Kaiserhofes durch das Shōgunat.

Im 13. Jahrhundert kommt es erneut zu Thronfolgestreitigkeiten. Nachdem der abgedankte Kaiser Go-Saga gestorben ist und keine genauen Nachfolgeregelungen hinterließ, erheben zwei seiner Söhne, Go-Fukakusa (der zuvor zugunsten Kameyamas abdankte) und Kameyama (der aktuelle Tennō), Anspruch auf den Thron. Das bakufu wird um Rat gefragt und dieses befragt die Mutter der beiden. Sie spricht sich für Kameyama aus, dessen Sohn Go-Uda wird Tennō und das bakufu beschließt 1317 den Bunpō Kompromiss. Demzufolge sollten sich die nun neu entstanden zwei Kaiserlinien, die Jimyōin-tō von Go-Fukakusa und die Daikakuji-tō von Kameyama, alle zehn Jahre mit der Herrschaft abwechseln. Als Konsequenz führte dies zu noch größerer Uneinigkeit und eine doppelte Anzahl von Thronanwärtern.

1318 kommt Go-Daigo als Tennō an die Macht. Obwohl er zunächst nur als Lückenbüßer kurzzeitig herrschen sollte, entwickelte er schon bald größere Ambitionen und war der Ansicht, dass er aufgrund seiner Leistungen nicht abdanken sollte. Tatsächlich führte er auch zahlreiche Innovationen im Bereich Wirtschaft und Verwaltung durch und ist auch im religiösen Bereich tätig. Er förderte den Buddhismus und wählte seine Berater entgegen der alten vererbaren Ordnung nach Leistungen und Intellektualität aus. Besonderes Interesse galt den Kriegermönchen des buddhistischen Tempels Enryaku-ji (延暦寺) auf dem Berg Hiei. Er wollte die kaiserliche Macht wiederherstellen und das bakufu stürzen, was 1333 zur Kenmu Restauration (建武の新政) führte. Tatsächlich gelant es ihm nach einigen misslungenen Versuchen mit Hilfe von u.a. →Ashikaga Takauji und →Nitta Yoshisada die Hōjō zu stürzen und für kurze Zeit seine Ideen von Herrschaft zu verwirklichen. Bereits 1336 scheiterte sein Restaurationsversuch jedoch völlig und Ashigaka Takauji ernannte sich selbst zum Shōgun und ernannte Kōmyō zum Kaiser. Go-Daigo floh jedoch mit den Throninsignien nach Yoshino, was zur Spaltung der Kaiserhöfe führte. Bis zur Übergabe der Throninsignien 1392 wird diese Zeit die "Ära der Nord- und Südhöfe" (nambokuchō 南北朝時代) genannt. Der Südhof befand sich in Yoshino, der Nordhof in Kyōto. In der Muromachi Zeit (1333-1600) verliert das Kaiserhaus sowie der Hofadel seine gesamte Regierungsmacht und kommt in finanzielle Notlagen. Der Kaiser ist auf Hofzeremoniell und schöngeistige Tätigkeiten beschränkt.

Nach den Bürgerkriegen der Sengoku-Zeit (1467-1568 戦国時代) kommt es mit der Reichseinigung durch →Oda Nobunaga, →Toyotomi Hideyoshi und →Tokugawa Ieyasu zu Hinwendungen zum Kaiser. Alle Reichseiniger suchen nach Legitimation ihrer Herrschaft durch den Tennō und unterstützen diesen auch finanziell. Trotzdem führt er während der Edo-Zeit (1600-1868) ein recht isoliertes Dasein an seinem Hof in Kyōto. Er beschäftigt sich vor allem mit Studien, Zeremonien, Festen und schönen Künsten, während das bakufu unter den Tokugawa seine Macht etabliert. Noch immer ist er auch oberster Priester des Shintō. Mit der "Ankunft der schwarzen Schiffe" und somit der Ausländer, ist dieses jedoch immer mehr auf die Unterstützung und Legitimation durch den Kaiser angewiesen. Kōmei Tennō (1831-1866 孝明) ist besorgt und ordnet zahlreiche Gebete für die Vertreibung der "Barbaren" an. Während das Misstrauen gegen den Shōgun, der nicht die Mittel besitzt die Ausländer zu vertreiben, weiter wächst, verliert dieser an Einfluss und die Daimyōs (Territorialfürsten) wenden sich immer mehr dem Kaiser zu. Es entsteht die sōnno-jōi Bewegung (尊皇攘夷運動), die mit ihrem Leitspruch "Verehret den Kaiser, vertreibt die Barbaren", obgleich nicht von Kōmei gebilligt, immer mehr Zuspruch findet.

Am 03. Februar 1868 (Tosa Memorandum) kommt es unter der Führung leitender Persönlichkeiten aus den Daimyaten Satsuma, Chōshū und Tosa schließlich zur Ausrufung eines Edikts zur "Wiederherstellung der kaiserlichen Herrschaft" im Namen des Meiji Tennō (dem Sohn Kōmeis). Die Regierung wird vorläufig aus einem Komitee kaiserlicher Prinzen gebildet und der Tennō wird mehr in die Öffentlichkeit eingebunden. Die Meiji Verfassung vom 11. Februar 1889 (nach preußischem Vorbild) wird als Geschenk des Kaisers an sein Volk betitelt und spricht ihm formel umfangreiche Kompetenzen zu. Zudem wird seine absolute Herrschaft schon im ersten Artikel als heilig und unverletzlich dargestellt. Mit dem Kaiserlichen Erziehungsedikt (kyōiku chokugo 育勅語) vom 30.10.1890 und dem kokutai (国体) Gedanken der Einzigartigkeit Japans wird seine Herrschaft gefestigt. Letztlich hatte er in Wahrheit jedoch noch immer keine politische Macht, die Fäden wurden von anderen Machthabern gezogen. Das mythische Geschehen aus dem Kojiki und Nihongi bleibt bis 1945 eine unantastbare Wahrheit.

Im 20. Jahrhundert, genauer gesagt nach dem Zweiten Weltkrieg, hat der Tennō nur noch symbolische Bedeutung. Er ist zwar noch immer oberster Shintō Priester, es werden jedoch nur noch die Kaiserlichen Vorfahren als Götter verehrt. Der Tennō selbst ist kein sichtbarer Gott mehr, was er auch persönlich in einer Erklärung 1946 ("Erklärung der Menschlichkeit" - ningen sengen - 人間宣言) bestätigt: Es sei ein Wahn zu glauben der Tennō sei ein gegenwärtiger Gott und das japanische Volk allen anderen überlegen.

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